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Auswirkungen der Enigma auf die Geschichte

Dienstag 23. Januar 2007 von
Simon Praetorius
Seit der Antike benutzten die Heeresführer Kryptographie, um geheime Nachrichten mit ihren Verbündeten auszutauschen. Dabei war es wichtig, dass niemand diese Nachrichten außer ihnen selbst lesen konnte. Ein Kriegsherr aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. schrieb einmal:
„Nichts sollte so hoch geschätzt werden, wie Wissen über den Gegner; nichts sollte so geheim sein, wie der Erwerb dieses Wissens”(Sunzi im 4. Jahrhundert. v.Chr. in „Kunst des Krieges“ aus Singh, Simon Seite 135)
Wissen über den Gegner bedeutet, deren Strategie, deren Position und Stärke, deren Schwächen und Geschwindigkeit zu kennen. Hat man dieses Wissen in der Hand, dann ist es nicht sehr schwer, einen Gegenplan zu entwerfen oder ggf. zu fliehen. Angriffe aus dem Hinterhalt können so auch gut geplant werden, da die Position und Größe des feindlichen Heeres bekannt ist. Erfährt der Feind jedoch, dass man dieses Wissen besitzt, ändert er seine Strategie, sucht nach eventuellen Löchern in der Kommunikation oder nach Spionen und bereitet sich auf einen Angriff vor. Dies wäre das Aus für die Kryptoanalytiker und die eigene Strategie.

Nutzen der Enigma


Auch in Deutschland war es notwendig, viele Informationen auszutauschen. Nach Hitlers Machtergreifung und der damit verbundenen Aufrüstung und Außenpolitik, war es besonders wichtig, Nachrichten geheim zu halten, wozu die Enigma genutzt wurde. Die Flottenkommandeure mussten ständig mit ihren Kameraden, mit Hitler und mit Dönitz in Kontakt bleiben, um aktuelle Lageberichte abzugeben oder neue Befehle zu erhalten. Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der die Streitkräfte der Achsenmächte in Afrika befehligte, beispielsweise musste nach einer vernichtenden Niederlage gegen die Britische 8. Armee drei Tage beim Führerhauptquartier um die Erlaubnis zum Rückzug betteln, ehe Hitler sie erteilte. Anfangs lautete der Befehl:
„zu siegen oder zu sterben!”(Russel, Francis - Seite 75)
Der U-Boot-Krieg im Atlantik erforderte eine besonders sichere Kommunikation, da sich die Kapitäne, sobald sie einen amerikanischen Konvoi gesichtet hatten, mit den anderen verständigen mussten, um das „Wolfsrudel“ zusammenzurufen und den Feind gemeinsam zu vernichten. So war die Strategie des Kriegsministers Admiral Karl Dönitz, der auch die Veränderungen an dem Enigmasystem anordnete. Da das Radar noch nicht so weit entwickelt war und die Funkortung nur selten Erfolge brachten, war es den Alliierten kaum möglich die Position der U-Boote zu bestimmen. Auch die Luftaufklärung brachte auf dem Wasser wenig.

Kryptoanalyse der Enigma


Einige Kriegsschauplätze zogen besonders großen Nutzen aus der Enigma-Entschlüsselung. In Nordafrika, wo der Oberbefehlshaber der englischen 8. Armee General Bernard Montgomery gegen Erwin Rommels Streitkräfte und Albert Kesselring, dem Oberbefehlshaber der Luftflotte II, der den Nachschub für das Afrikakorps schützen mussten, antrat, vertraute der Brite auf die Information von „Ultra“ und konnte so fast die Hälfte der Nachschubslieferungen versenken. Durch die zahlreichen entschlüsselten Nachrichten zwischen den Oberbefehlshabern und Hitler, waren den Briten beispielsweise die Auslauftermine der deutschen Geleitzüge, deren Routen und Bedeutung bekannt und konnten gezielt bekämpft werden.

Die schlechte Versorgungslage und ein Hinterhalt Montgomerys brachten im August 1942 schließlich eine entscheidende Niederlage Rommels. Obwohl die Truppen des Briten zahlenmäßig unterlegen waren, konnten durch genügend Informationen eine wirksame Strategie geplant werden, die letztendlich zum Sieg führte.

Nordafrika ist aber nicht das einzige Beispiel, welches den Nutzen der Kryptoanalyse beschreibt. Als am 8. August 1940 die Leute von Bletchley Park eine Nachricht entschlüsselten, die den Befehl Görings für die „Operation Adler“ ankündigt, war sicher, dass eine Luftschlacht gegen England geplant war. Die Meldung lautet:
„Von Reichsmarschall Göring an alle Einheiten der Luftflotten 23 und 5: Operation Adler. In kürzester Zeit werden sie die Britische Air Force vom Himmel fegen, Heil Hitler.”(Kippenhahn, Rudolf – Seite 243 (Text wurde formatiert) )
Durch diese Information konnte sich Churchill auf den Angriff ausreichend vorbereiten, wodurch ein Großteil der deutschen Bomber abgeschossen werden konnte. Als Görings Plan misslang, wechselte er seine Strategie und schickte alle Flugzeuge Richtung London, was einen gravierenden strategischen Fehler darstellte, auf den die Briten bestens vorbereitet waren. Am 19. September 1940 wurden die Kriegsmaterialien für die Operation „Seelöwe“, die Eroberung der Britischen Insel, abtransportiert, was nicht zuletzt ein Verdienst der erfolgreichen Kryptoanalyse war.

Besonders im Atlantik-Krieg, wo zahlreiche Unterseeboote unterwegs waren, deren Position man damals noch nicht bestimmen konnte, war die Aufklärung durch „Ultra“ von großem Nutzen. Durch die Entschlüsselung der Enigma, war es Briten und Amerikanern möglich, diesen U-Booten geschickt auszuweichen und manche von Ihnen zu versenken. Dadurch gewannen die Alliierten die Überhand über die Deutschen. Der Historiker und Zeitzeuge Sir Harry Hinsley aus Bletchley Park sagte in einer Vorlesung im „Babbage Lecture Theatre“ am 19.2.1993 dass:
„... Ultra was the main reason why the British were able to reduce the depredations of the U-Boats in the Atlantic in the second half of 1941.”(Aus einer Mitschrift einer Vorlesung, die von Susan Cheesman und Keith Lockstone erstellt wurde. Sir Harry Hinsley war am 19.Oktober 1993 Dozent am “Babbage Lecture Theatre, Computer Laboratory” und hielt einen Vortrag mit dem Titel “The Influence of ULTRA in the Second World War“. Text ist zu finden auf beigelegter CD des Buches von Wobst, Reinhard.)
Nachdem die Deutschen das neue Enigmasystem für die Marine eingeführt hatten, war Bletchley Park etwa zehn Monate lang nicht in der Lage, Informationen zu liefern, die die Vernichtung amerikanischer Transporte hätte verhindern können. In dieser Zeit versenkten die Deutschen die größte Anzahl alliierter Schiffe, wodurch klar wird, dass die Dechiffrierung der Enigma einen entscheidenden Einfluss auf die Schlacht im Atlantik hatte. Ralph Erskine stellt in seinem Bericht über „Intelligence and National Security“ folgendes fest:
„Ohne die besonderen Erkenntnisse aus „Triton“ (dem Vier-Walzen-Enigmasystem) wären die U-Boote auf die Dauer zwar ebenfalls besiegt worden, aber der Verlust an Menschenleben in diesem globalen Konflikt wäre insgesamt noch weitaus furchtbarer gewesen, als er dies ohnehin schon war. Falls der Einbruch in Shark (Die Codebezeichnung, die in Bletchley Park für Triton verwendet wurde) nicht gelungen wäre, hätten die Alliierten die Seeherrschaft im Atlantik frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 sichern können, und die Invasion Europas hätte sich mindestens bis 1945 verzögert.”(Harper, Stephen – Seite 17)
Das bedeutet, dass sich das Kriegsende ohne die Entschlüsselung der Enigma um Monate verzögert hätte, mit allen schrecklichen Folgen.

In den meisten Geschichtsbüchern findet man jedoch sehr wenig über die Enigma, ihren Einsatz oder ihre Entschlüsselung. In der Literatur über Kryptologie, wird sie aber als eines der wichtigsten Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt. Erst einige wenige Historiker konnten sich mit ihr beschäftigt, und ihren Nutzen und ihre Auswirkung beschreiben, da erst 1974 der Verantwortliche für die Verteilung des Ultra-Materials Captain F.W. Winterbotham die Erlaubnis erhielt, Einzelheiten über dieses Projekt und die Enigma-Aufklärung zu veröffentlichen. Er veröffentlichte ein Buch – „The Ultra Secret“ und machte den Weg frei für weitere Publikationen.

Auch während des Krieges konnte nur bedingt mit den Informationen der Kryptoanalyse gearbeitet werden, da man die Deutschen in Sicherheit wiegen wollte. Dies war jedoch oft mit schweren Entscheidungen und harten Konflikten verbunden, wie folgendes Beispiel zeigt:. Der Befehl zum Luftangriff auf die britische Stadt Coventry sollte laut Winterbotham auch von „Ultra“ entschlüsselt worden sein, doch wäre ein Eingreifen Churchills von Dönitz sicherlich bemerkt worden, wodurch der britische Premierminister vor der schwierigen Entscheidung stand, einen Gegenangriff vorzubereiten, oder den deutschen Angriff geschehen zu lassen, um das Geheimnis der Enigma-Entschlüsselung zu bewahren. Letzteres tat er dann, schickte nur Verstärkung für die Hilfskräfte und setzte die Feuerwehr in Bereitschaft, um die Ausmaße des Unglücks etwas eindämmen zu können.

Dass es der Kryptoanalyse der Enigma zu verdanken sei, dass Hitler die Invasion auf England aufgab, wie Winterbotham es auch beschrieben hatte, halten Historiker für übertrieben [1]. Auch die Annahme, dass die Enigma-Entschlüsselung entscheidend für den Krieg war, ist zu bezweifeln. Wenn man sieht, dass von Enigma und „Fish“ zusammen etwa 90.000 verschlüsselte Nachrichten monatlich geknackt wurden, so ist aber anzunehmen, dass die Maschine einen gewissen Einfluss hatte. Sicherlich war dies hauptsächlich auf die Sektoren der Strategieentwicklung und Aufklärung beschränkt. Diese waren natürlich auch wichtig für die Kriegsführung, womit die Briten mit der Enigma einen großen Vorteil hatten. So ist anzunehmen, dass sich der Krieg durch die Entschlüsselung der Chiffriermaschine Enigma verkürzt hat. Wie lang der er ohne diese zusätzlich gewonnenen Informationen im Vergleich zur Realität noch gedauert hätte kann man nur vermuten. Sir H. Hinsley spricht in seiner Vorlesung von zwei bis drei Jahren. Dann wäre jedoch anzunehmen, dass die USA eine Atombombe über Deutschland abgeworfen hätten. Dies war vom Amerikanischen Präsidenten schon geplant gewesen. Glücklicherweise wurde dieses Vorhaben noch gestoppt, denn dies hätte weitreichende Folgen verursacht, die uns heute auch noch getroffen hätten.

Der Historiker David Kahn wertet die Enigma-Entschlüsselung folgendermaßen:
„Menschenleben wurden gerettet. Nicht nur bei den Westalliierten und Russen, sondern durch die Verkürzung des Krieges auch unter den Deutschen, Italienern und Japanern. Einige Menschen verdanken ihr Leben nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht diesen Entschlüsselungen. Dies ist der Dank, den die Welt den Codebrechern schuldet; dies ist der krönende menschliche Wert ihrer Triumphe.”(Zitat von Kahn, David aus Singh, Simon – Seite 230)
Meiner Meinung nach war die Entschlüsselung der Enigma ein großer wissenschaftlicher, technischer und auch geschichtlicher Erfolg, der nicht vergessen oder vertuscht werden sollte. Gäbe es Mirian Rejewski nicht, wäre die Entschlüsselung gar nicht erst gestartet worden, gäbe es Alan Turing nicht, dann wäre sie nicht zu Ende gebracht worden. Man sollte also nicht nur den Erfolg von Bletchley Park gedenken, sondern auch den des polnischen Geheimbüros. Natürlich muss man auch die Amerikaner nennen, welche die letzte Stufe der Enigma mit modernster Technik und hervorragender Ingenieurleistung in angemessener Zeit knacken konnte und so einen vielleicht entscheidenden Vorteil in der Schlacht im Atlantik bewirkten. Diese Schlacht war eine unter vielen und somit wahrscheinlich nicht ausschlaggebend für den gesamten Krieg, jedoch wurde die Versorgungslage Englands mit dem Sieg verbessert und der enorme Materialverbrauch auf amerikanischer Seite gestoppt.

Durch die Enigma konnte ein sicheres Landen der amerikanischen Truppen in Sizilien 1943 und ein genaues Bild der feindlichen Truppen während der alliierten Invasion in Frankreich 1944 gewährleistet werden. Viele Schlachten wären noch grausamer ausgefallen, als sie ohnehin schon waren und noch mehr Menschenleben wären dem Krieg zum Opfer gefallen, gäbe es Alan Turing und seine Kameraden nicht.


[1]: David Kahn, Kahn on Codes ,New York 1983, Seite 110
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3 Kommentare

  1. Dienstag 26.06.2007 21:31 von
    Eric

    Dies zeigt, wie entscheidend der Code Enigma war. Meiner Ansicht nach sogar kriegsentscheidend. England würe geschlagen worden. 1940 atmeten sie aus dem letzten Kriegsloch. Ohne Enigma hätte Hitler die Invasion Seelöwe erfolgreich starten und siegreich beenden können.
    Zudem ist bekannt, dass entscheidende Schlachten wie in Stalingrad, der Normandie, bei der Operation Zitadelle , um nur einige zu nennen, Dank des Enigma-Codes konnten die Alliierten diese Schlachten für sich entschieden und somit einen nicht unerheblichen militärischen und strategischen Vorteil erkämpfen.
    Alles im allem: Deutschland hätte möglicherweise den Krieg gewonnen doch dies ist allgemein nicht so bekannt.

  2. Donnerstag 28.06.2007 17:29 von
    SimonPraetorius

    Man muss aber dazu sagen, dass der Ausgang einer Schlacht von sehr vielen Faktoren abhängt: u.a. Heeresstärke, Waffenausrüstung, Positionierung, Strategie, Ausklärung...
    Und dass die Informationen, die die Enigma liefern konnte, auch nur dann nützlich waren, wenn sie ordentlich in eine strategische Planung einbezogen und gewertet wurden. Auch werden natürlich Schlachten verloren, die über eine sehr gute Kampfstrategie verfügt haben.

  3. Freitag 29.06.2007 23:06 von
    Eric

    Da hast Du sicher Recht , Simon. Die Enigma war nur für jene Länder hilfreich, die letztlich dadurch einen militärischen Nutzen gewinnen konnten.
    Aber gerade deswegen ist meine These richtig, da man den Alliierten, vorwiegend bestehend aus England, USA und Russland, einen solchen unterstellen kann.
    Sicher war die deutsche Wehrmacht seiner Zeit die Beste, was strategisches Geschick, Mut, Ausdauer, Hartnäckigkeit , fähige Generäle und wohl oder übel auch Grausamkeit anbelangt. Dennoch ist nicht übersehbar, dass Deutschland langfristig gegen eine solch geballte Alliierten-Macht , die zudem über den Geheimcode namens Enigma verfügte, keine Chance hatte.
    Deutschalnd war tapfer und stark bis zum letzten Atemzug. Aber man muß sich mal auf der Zunge zergehen lassen, dass ein 80 Millionenvolk gegen 300 Millionen kämpfte, und im letzten Kriegsjahr in einem flächenmäßig sehr kleinen Land, nämlich im eigenen.
    Wir kämpften gegen 3 Mächte gleichzeitig, jenes für sich e

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